Gefahren beim Umgang mit digitalen Medien Leitfaden Digitale Medien

Jugendgefährdende Seiten im Netz

Schockierende Inhalte im Netz stellen eine weitere Bedrohung dar, wenn Ihr Kind damit – oft unfreiwillig – konfrontiert wird.

Zum Beispiel können durch die Teilen-Funktion in sozialen Netzwerken solche Bilder plötzlich im eigenen Profil auftauchen, oder Schulfreunde/-freundinnen zeigen, was sie gefunden haben. Zu den jugendgefährdenden Bereichen im Netz zählen in erster Linie Pornografie, dann Gewaltdarstellungen, Werbung für Selbstgefährdung (z.B. Magersucht, Ess-/Brechsucht), politischer Extremismus (mit seiner Propaganda u.a.) und religiöser Fanatismus.

Bei ungehindertem Zugang zu solchen Seiten sind die Risiken auf die Psyche der Kinder und Jugendlichen vielfältig und nicht zu unterschätzen, wie folgende Auswahl zeigt:

Armin Staudt / photocase.de

Sexuelle Darstellungen - Pornografie

„Zwei Drittel aller männlichen Jugendlichen zwischen 16 und 19 Jahren konsumieren täglich bis wöchentlich Pornografie, jeder fünfte Junge schaut täglich(!) Pornos an (Pastötter, Pryce, Drey, 2008). Fast die Hälfte aller elf- bis dreizehnjährigen Kinder haben bereits pornografische Bilder oder Filme gesehen, bei den 17-jährigen sind es bereits 93% der Jungen und 80% der Mädchen (Dr. Sommer-Studie, 2009).“ Die Fachstelle Mediensucht return (http://www.return-mediensucht.de/) schreibt hierzu:

„Pornos sind nicht harmlos. … Zahlreiche Studien belegen: Pornokonsum gefährdet die Beziehungsfähigkeit, fördert sexuelle Gewalt und birgt ein hohes Suchtpotential. Kinder und Jugendliche brauchen Hilfe, um die Auswirkungen von Pornokonsum zu durchschauen und eine fundierte Haltung dazu zu gewinnen.“

Simon86 / photocase.de

Pornografie führt oft auch zu Ängsten und falschen Vorstellungen von Liebe und Sexualität. Sexuelle Übergriffe unter Minderjährigen nehmen zu. Längsschnittstudien zeigen: Je häufiger Jugendliche Pornografie konsumieren, umso mehr trennen sie Sexualität von jedem Beziehungskontext und halten Gelegenheitssex für normal. Jugendschutzgesetze und Filtersoftware sind wichtig, aber sie reichen zur Prävention nicht aus. Eine weiterführende Hilfe bietet hierzu untenstehender Lesehinweis.

Gewaltdarstellungen

12.000 Stunden vor dem Bildschirm. Das „Durchschnittskind“ in Deutschland hat mit etwa 15 Jahren diesen Wert erreicht. Dabei hat das Kind Schätzungen zufolge fast 10.000 Morde und 100.000 Gewalttaten gesehen. Trotzdem verhalten sich die allermeisten Jugendlichen nicht gewalttätig. Insbesondere ist das Internet voll von Gewaltdarstellungen: Prügelvideos, Ausschnitte aus Horrorfilmen, brutalen Werbetrailern, Bilder von Unfällen, Folter oder sogar Hinrichtungen u.v.m. Laut der Studie "Gewalt im Web 2.0" von 2009 hat ein Viertel aller Jugendlichen schon einmal Gewalt im Internet gesehen (http://www.nlm.de/fileadmin/dateien/pdf/Grimm_Studie_Web_2.0.pdf).

Was ist also dran an Schlagzeilen wie: Amoklauf durch Ballerspiele am PC? Es gibt vieles, was Jugendliche davor schützt, zum Amokläufer zu werden. Liebevolle Eltern, gute Freunde, ein gelassenes Naturell, etc. Aber es gibt auch vieles, was zu Gewalttätigkeit beiträgt. Ein problematischer Freundeskreis, Gewalt im Elternhaus oder Stress in der Schule. Mediengewalt kommt als weiterer Einfluss hinzu.

Armin Staudt / photocase.de

Wirkung von Gewaltdarstellungen: Abbau von Mitgefühl

Gewaltdarstellungen beeindrucken Kinder und Jugendliche besonders nachhaltig: Sie sind geschockt, empfinden Ekel, Angst und Verunsicherung, die Bilder können sogar ein Trauma auslösen. „Problematisch seien vor allem reale und realistische Gewaltdarstellungen, die mehr als 40% der Jugendlichen gesehen haben. Sie seien deshalb gefährlich, weil sie eine größere Wirkung auf Kinder und Jugendliche haben als auf Erwachsene.“ Die Grimm-Studie ergab weiter:

„In allen Gruppen äußern Jugendliche Empörung und Unverständnis über die Täter und die gezeigte Tat, aber auch über diejenigen, die das Ganze filmen und im Internet weiterverbreiten. Eine kritische Haltung zur Nutzung entsprechender Inhalte – und insbesondere eine kritische Haltung zur eigenen Nutzung dieser Angebote – wird allerdings nur vereinzelt zum Ausdruck gebracht, am Pranger stehen v.a. die Täter und die Akteure auf Seiten der Produktion.“

Durch wiederholtes Ansehen von Gewalt wird vor allem das Mitgefühl geschwächt. Die Empathiefähigkeit sinkt. Diese Wirkung ist noch stärker, wenn man selbst ins Geschehen eingreifen kann, wie im Computerspiel oder noch mehr verstärkt im Cybergame. Die angeborene Tötungshemmung wird abgeschwächt. Wäre gewalttätiges Verhalten ein Auto, dann würde man sagen: Mediengewalt wirkt nicht so sehr wie Super im Tank, sondern beschädigt eher die Bremse.

Achtung: Nicht jeder Film oder jedes Spiel »ab 6« ist auch für 6-Jährige geeignet. Expertentipp: USK/FSK + 3 Jahre.

Wie Gewaltdarstellungen noch auf die Psyche von Kindern und Jugendlichen wirken, können Sie ausführlich nachlesen unter: http://www.ufuq.de/nadia-osman-ueber-die-wirkung-von-gewaltdarstellungen-auf-jugendliche/.

Selbstgefährdung

Es gibt viele Angebote im Internet, die selbstverletzendes oder selbstzerstörerisches Verhalten verbreiten und oft auch verherrlichen. Gefährdete Jugendliche, die im Internet nach Hilfe z.B. bei Magersucht (Anorexia nervosa) oder Ess-Brechsucht (Bulimia nervosa) suchen, werden durch sogenannte Pro-Ana- bzw. Pro-Mia-Angebote in ihrer Krankheit leichtfertig bestätigt und erhalten sogar Tipps zum Weitermachen. Stattdessen benötigten sie dringend Hilfe für ihre psychische Erkrankung (Vgl. https://www.bzga-essstoerungen.de/verwandte-freunde0/pro-ana-pro-mia/).

Wenn Sie auf Pro-Ana- oder Pro-Mia-Angebote treffen, melden Sie diese auf der Seite von http://www.jugendschutz.net  oder  http://www.internet-beschwerdestelle.de.

Armin Staudt / photocase.de

Was Sie noch tun können …

Technische Schutzmaßnahmen reichen alleine nicht immer aus, um Kinder und Jugendliche vor jugendgefährdenden Inhalten im Internet zu schützen.

Am wichtigsten ist hier ein gutes Vertrauensverhältnis, damit sich Ihr Kind bei belastenden Erfahrungen mit Internetseiten an Sie auch wendet.

Ermutigen Sie Ihre Kinder, Sie bzw. Lehrkräfte in der Schule zu informieren, wenn sie auf gefährliche Seiten im Internet gestoßen sind. Nehmen Sie ihnen im Vorfeld die Angst davor, bestraft zu werden, weil sie z.B. solche Seiten angeschaut oder andere einbezogen haben.

Zeigen Sie Ihren Kindern, wie politische Propaganda funktioniert und welchen Gefahren sie dadurch ausgesetzt sind. Kinder sind oft leichtgläubig und glauben unkritisch den dargestellten Botschaften. Erklären Sie Ihnen die Bedeutung der vielseitigen Freiheiten, die wir in einer Demokratie genießen können, und dass diese nicht unbedingt für alle Zeiten garantiert sind.

Fit for Love?
Autor: Tabea Freitag
Veröffentlicht am: 23.07.2014
184 Seiten
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Nicht jeder Film oder jedes Spiel „ab 6“ ist auch für 6-Jährige geeignet. Expertentipp: USK/FSK + 3 Jahre.